Happy Birthday.
Es ist mein 31. Geburtstag und ich liege heulend auf dem Wohnzimmerboden im Körbchen meines Hundes und schluchze in mein Telefon.
Ich hatte meinen Freund noch einmal angerufen, weil ich „seine Stimme noch einmal hören wollte“. Aber eigentlich stimmt das nicht — zumindest nicht ganz. Eigentlich wollte ich einfach irgendwohin mit diesem Schmerz. Mit der Trauer. Mit dem Frust.
Worüber könnte man denken? Worüber kann diese junge Frau traurig sein?
Wieso frustriert, woher der Schmerz?
Sie hat doch alles, was man sich wünschen kann.
Einen tollen Partner, mit dem sie gemeinsam im Eigenheim lebt. Einen treuen vierbeinigen Begleiter. Viele Freundinnen und Freunde, die heute an ihrem Ehrentag an sie gedacht haben — sogar aus der Ferne ein Essen bezahlen, an so einem Tag, an dem nichts geht. Eine beste Freundin, die heute Abend mit ihr essen gehen wollte. Eine, die sie immer versteht und immer da ist, wenn es brennt. Eine Familie, die anruft und die sie nicht hasst — nein, eine liebevolle Familie, die sich wirklich umeinander kümmert und füreinander interessiert. Sogar die Oma eine Freundin.
Dann ist da noch der neue Job, der ihr seit sechs Monaten immer mehr Spaß macht. Einer, in dem sie all das anwenden kann, was sie auf ihrem bisherigen Karriereweg gelernt hat. Sogar mit einem tollen Chef. Ein Chef, der ein mitfühlender Mensch ist und ausnahmsweise mal kein Arschloch — obwohl er ein Mann ist. Und tolle Kundinnen und Kunden, die sie lieben. Die sogar Geschenke mitbringen, weil sie so glücklich mit ihrer Beratung sind. Das hatte sie so noch nie erlebt.
Und weil sie dort ganz gut verdient, reichen sogar zwanzig Wochenstunden Lohnarbeit, um über die Runden zu kommen und sich ein Auto zu leisten. Genau so hatte sie es sich immer erträumt: ein erfüllender Brotjob, der genug Zeit lässt für eigene Projekte — für ihren unternehmerischen Drang nach mehr. Auch dort hat sie die weltbeste Geschäftspartnerin, die mittlerweile eine gute Freundin ist. Noch letztes Wochenende zu Besuch. Ein gemeinsames Thema, für das die beiden brennen, und ein Ideenreichtum, der nie zu enden scheint.
Warum also, sollte man meinen, könnte diese Frau an ihrem 31. Geburtstag so unendlich traurig und verzweifelt sein — fast würdelos schluchzend am Boden, um ihren treuen Vierbeiner geklammert?
Von außen sieht man es nicht. Aber während ihr Schnodder auf das Fell des Hundes tropft, gehen ihr die vielen kleinen und großen Steine durch den Kopf, die ihr Körper und Geist ihr immer wieder in den Weg legen. Unermüdlich. Sie stolpert darüber, fällt hin, steht wieder auf, stolpert wieder, fällt hin, steht wieder auf „nützt ja nix“, stolpert wieder , fällt hin, steht wieder auf— und das ist unfassbar anstrengend. Oft will sie einfach liegen bleiben. Aufgeben. Kopf ab und im Wald vergraben — das sagt sie, wie auch heute Nachmittag am Telefon, immer wieder zu ihrer Mutter, wenn diese abermals liebevoll-besorgt fragt: „Was machen wir denn mit dir, M.?“
Es ist dieses Gefühl, wenn der Kopf so viel vorhat, aber der Körper nicht mitmacht. Wenn du dich auf diese Feier freust, auf die du schon so lange mit deinen Freund:innen hinfieberst — und dann doch absagen musst, weil dein Körper dicht macht oder du eine Panikattacke bekommst. Wenn du nach einem guten Wochenende richtig Lust auf die neue Arbeitswoche hast (no joke!), dein Körper aber einfach nicht wach werden will. Wenn du genau weißt, was du noch alles erledigen musst, aber nicht anfangen kannst. Wenn du tausend Ideen hast, aber selten genügend Energie, um auch nur eine davon zu Ende zu bringen. Wenn du [Buch liest/YouTube schaust/Chatty fragst/…] und glaubst, endlich die richtige Antwort gefunden zu haben — und es dann doch wieder nicht funktioniert. Wenn du ständig weiterkämpfst, gegen den Sog des Lebens Richtung Ufer schwimmst und inständig hoffst nicht abzusaufen, es aber nicht einmal feiern kannst, angekommen zu sein, weil du einfach nur so verf**** erschöpft bist.
Es ist ein unsichtbares, stilles In-sich-Hinein-Leiden. Und es ist jedes Mal eine Überwindung, sich anderen mitzuteilen — aus Angst vor den Worten, die man schon tausendmal gehört hat:
Stell dich nicht so an. — Sorry, ich sehe die Überholspur nicht.
Das ist doch gar nicht so schlimm. — Ok. I guess ich stelle mich einfach zu sehr an. Hast recht.
Du solltest einfach mehr Sport machen. — RAAAH @!#&%!!
Du bist für dein Alter aber ziemlich oft krank. — So ist das eben als chronisch kranke Person mit prekärer medizinischer Versorgung.
Du bist nicht besonders belastbar. — GRRR @!#%&!?!
Isst du genügend Vitamine? — Wäre leichter, wenn ich nicht tausend Lebensmittelallergien hätte. *zuckendes Auge
Was hast du denn schon wieder? — Ich existiere. Zumindest versuche ich es vehement.
Du verdienst nicht mehr Geld, weil du so oft krank bist. — GNNNNH @!#$!!
Du nimmst aber auch alles mit, oder? — Ja, mach ich voll gerne. hihihehe hahah hahaha HAHAHAHA — fi** dich.
Denk doch nicht so viel. — Okay, klar, zeig mir einfach die Aus-Taste für meine endlosen Gedankenströme.
Warum bist du schon wieder zu spät? — Habe mal wieder vergessen, dass die Snooze-Taste die Zeit gar nicht anhält.
Warum hast du dir das nicht gemerkt? — Bin wohl einfach dumm. Sorry.
Und irgendwo liegt das Handy. Zum fünften Mal heute verlegt. Keine Ahnung, wo. Was zur Hölle ist falsch mit mir?
Es sind so viele diffuse Dinge. Und dann merkt man am Ende des Tages erst, mit welchen Rückenschmerzen man eigentlich die ganze Zeit herumgelaufen ist. Wie sehr man nachts wieder geknirscht hat. Wie verspannt alles ist. Wie wild die Träume waren. Wie dieses eine Gespräch mit einer Kollegin noch nachhallt. Man merkt erst in der Abwesenheit von allem, wie belastet man eigentlich war — wie viel man den Tag über einfach ertragen hat.
Und dann zu hören, man sei nicht belastbar oder nicht resilient, fühlt sich an wie der größte Witz. Denn im Grunde sind wir doch die, die am resilientesten sind. Weil wir trotz all dem, was wir unsichtbar mit uns herumschleppen, weiter funktionieren. Weil wir unseren Kundinnen mit einem Lächeln begegnen, mit charmanten Witzen auf den Lippen. Weil wir abliefern, wenn wir arbeitsfähig sind. Weil wir für unsere Freunde da sind und uns trotzdem ein gutes Wort einfällt, obwohl wir den Boden unter den eigenen Füßen manchmal nicht mehr spüren. Weil wir uns um unsere Haustiere kümmern, den Haushalt schmeißen, unsere Eltern anrufen, Junggesellenabschiede organisieren, Häuser renovieren — und dabei versuchen, möglichst viel Spaß zu haben.
Aber es sieht eben niemand, was uns das abverlangt.
Und wenn dann, weil man sich die ganze Zeit zusammengerissen hat, weil man den Körper wieder einmal ignoriert hat, weil man hofft, dass es diesmal vielleicht funktioniert — wenn man einfach weitermacht, nicht hinschaut, nicht nachgibt — vielleicht hört es dann auf. Vielleicht wird nächste Woche alles besser. Vielleicht verschwindet die Migräne. Vielleicht die Müdigkeit. Vielleicht die zwanghaften Angstgedanken der Lutealphase. Die mangelnde Konzentration. Das Zähneknirschen.
Wenn ich einfach weitermache. Wenn ich rausgehe. Wenn ich meine Körpersignale ignoriere. Wenn ich mir ein paar Tabletten einwerfe und einfach funktioniere. Mich nicht so anstelle, nicht so viel nachdenke. Vielleicht klappt es ja doch.
Aber es funktioniert nie.
Am Ende kommt immer die Quittung.
Und die bekomme ich heute — an meinem 31. Geburtstag.
Allein zu Hause.
Umgeben von Junkfood, Chaos, Zweifeln, Schuld und Traurigkeit.
31 Jahre lebe ich nun auf dieser Welt — und doch weiß niemand, nicht einmal ich selbst, was mir eigentlich fehlt.
Aber nützt ja nix.
Morgen ist ein neuer Tag.

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