Mehrarbeit

4–7 Minuten

Jedes Geräusch rast mit tausend Nadelstichen durch meinen Kopf. Mein Körper fühlt sich an, als wäre er mit Sprudelwasser gefüllt. Das Licht der Junisonne strahlt mir kreischend durch die Vorhänge entgegen, während ich mich im Bett wälze und versuche mich zu orientieren.

Und trotzdem denke ich, dass ich mich vielleicht nur anstelle.

Die Kopfschmerzen sind ja weg. Ich sollte arbeiten.

Aber es ist nur die Angst, die mich treibt. Und die vielen Narrative, die ich im Laufe meines Lebens aufgeschnappt habe. Geschichten über Menschen, die weniger leistungsfähig waren als andere. Weniger konstant. Die häufiger fehlten. Das grundsätzliche Misstrauen, das diesen Erzählungen innewohnte. Der Argwohn.

Über Jahre hat sich daraus in meinem Kopf eine ungenießbare Suppe zusammengebraut, die mir jedes Mal unaufgefordert serviert wird, wenn ich mich krank melde. Wenn ich mich krank melden muss. Weil mein Körper mal wieder sagt: Stopp. Es geht nicht mehr.

Wieder wollte ich mir nicht eingestehen, dass mein Körper mir schon lange Signale sendet. Dass ich in letzter Zeit zu viel unterwegs war. Dass die Absetzsymptome eines Medikaments mir doch sehr zusetzten. Dass ich ohne Energy Drinks gerade gar nichts schaffe. Dass auf die dauernde Erschöpfung durch von Alpträumen durchzogenen Schlaf schleichend eine Migräne folgt, die ich schon seit Beginn der Woche bemerke – und erfolgreich verdränge.

Irgendwie den Homeoffice Tag durchbringen – zwischendurch mit Übelkeit auf der Couch. In ein paar Stunden ist es bestimmt besser, denn ich muss ja noch was schaffen.

Am nächsten Morgen halte ich mir die Hände vors Gesicht, um die Augen abzudecken. Ich fühle mich absolut nicht ausgeschlafen, obwohl ich locker die heiligen 8 empfohlenen Stunden geschlafen habe. Und ich sehe sie genau. Die tanzenden Flecken in meinem abgedunkelten Sichtfeld. Ein nächstes Warnsignal meines Körpers. Ein deutliches Zeichen für eine sich anbahnende Migräne. Aber da ist doch heute dieser Vortrag, der wichtig ist. Ich will ihn halten, weil er mir wichtig ist und auch meinen Kolleginnen. Ich will nicht wieder die sein, die kurzfristig absagen muss. Zu viele Menschen involviert.

Also halte ich ihn. Mit Bravour. Mit Witz. Mit einem guten Draht zu meinem Publikum. Von Außen: charmant, humorvoll, professionell.

Innen: Brain Fog. Wortfindungsstörungen. Ein Kopf, der längst Alarm schlägt.

Meine Herausforderung? Wie immer unsichtbar.

Am Ende sind alle begeistert. Und ich dankbar und erleichtert, dass es vorbei ist.

Aber wenn das noch ging, muss natürlich auch das Fitnessstudio gehen. Der Tierarztbesuch am Nachmittag. Das Treffen mit den Freundinnen.

Bis die Quittung kommt. So richtig.

Quälend hämmernde Kopfschmerzen auf der Heimfahrt. So stark, dass ich plötzlich unendlich dankbar für die Assistenzsysteme meines Autos bin, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich sonst heil nach Hause käme.

Ich werfe eine Ibuprofen ein und möchte eigentlich nur noch schlafen und weinen.

Stattdessen muss ich weiterfahren.


Der Physiotherapeut rollt bedacht mit seinem Nadelrad über meine Fußsohlen. Dann tippt er auf den Fußrücken. Beim zweiten, dritten Durchgang wird es unangenehm. Dann schmerzhaft. Genau wie am Nacken. Mit jedem Mal ein bisschen mehr.

Nachdem der Test beendet ist, sagt er:

„Ihr Nervensystem reagiert extrem sensibel auf Schmerzreize. Ihre Nozizeptoren sind sehr empfindlich. Aber bei Ihrer Vorgeschichte mit über 10 Jahren Schmerzen überrascht mich das nicht.“

Ich nicke, als wäre es das normalste der Welt.

Als wäre das nichts Neues. Und irgendwie ist es das auch nicht. Aber der Satz trifft mich trotzdem.

Über ein Jahrzehnt mit Schmerzen. Ein extrem sensibles Nervensystem.

Ich merke, wie mir die Tränen kommen wollen. Weil ich mich gesehen fühle. Erkannt. Ich bilde mir das alles tatsächlich nicht ein. Ich habe Schmerzen und das schon sehr lange. Bisher hat es nie einen richtigen Ausweg gegeben. Da waren meine Schmerzen und ich, punktuell verschriebene Hilfsmittel, Unmengen an Ibuprofen und das Leben, das sich immer unerbittlich weiterentwickelt – ganz egal wie es mir gerade geht. Und jetzt werde ich ganz nüchtern mit einer Wahrheit konfrontiert, die ich schon lange kenne, aber nie wirklich annehmen will.


Ich will nicht die Person sein, der mit Argwohn begegnet wird, weil sie sich schon wieder krank meldet.

Die Unzuverlässige. Die mit „Migräne“. Mit „Zyklusbeschwerden“. Mit „Schlafstörungen“.

Die, die von außen doch gesund aussieht. Die keinen Monat schafft, ohne mindestens einmal auszufallen.

Ich möchte nicht, dass Menschen denken, ich sei faul. Oder hätte einfach keine Lust zu arbeiten.

Denn eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Mein Kopf sprudelt vor Ideen. Ich habe Ambitionen. Einen tiefen Wunsch, Dinge zu verändern, Wissen zu vermitteln und einen Unterschied zu machen.

Aber die Wahrheit ist: Mein Körper kann mit dem Tempo meines Geistes nicht mithalten. Und ich verbringe einen großen Teil meines Lebens damit, zwischen den beiden zu vermitteln.

Immer wieder muss ich darum trauern, dass ich hinter meinen Möglichkeiten zurückbleibe, weil mein Körper nicht umsetzen kann, was meinen Geist bewegt.


Während andere Menschen ihre Freizeit genießen, verbringe ich meine oft damit, Antworten zu suchen. Auf die Schmerzen. Auf die Erschöpfung. Auf ein komplexes Beschwerdebild.

Ich telefoniere Arztpraxen ab und bekomme keine Termine. Ich recherchiere stundenlang nach neuen Ansätzen. Ich teste Apps. Ich kaufe teure Nahrungsergänzungsmittel. Ich investiere in Coachings. Ich tausche mich mit anderen Betroffenen aus.

Ich versuche zu verstehen.

Zu verbessern.

Zu heilen.

Und manchmal denke ich: Ich arbeite mehr als der gesunde Mensch.


Und trotzdem klappt nie alles gleichzeitig.

Wenn ich es schaffe, regelmäßig zum Sport zu gehen, leidet meine Körperpflege. Wenn ich die ganze Woche frisch koche, schlafe ich zu wenig. Wenn ich meine Freundschaften pflege, kommt mein Hund zu kurz. Wenn ich mich um meine Gesundheit kümmere, versinkt die Wohnung im Chaos.

Irgendetwas bleibt immer liegen.

Und wenn dann das Leben passiert – ein neuer Job, eine neue Beziehung, ein Umzug – dann rollt die Überforderung erbarmungslos über mich hinweg.

Wie eine Welle. Sie drückt mich nach unten. Wirbelt mich herum. Spült mich wieder an die Oberfläche. Und ich versuche verzweifelt, die Kontrolle zu behalten. Bis ich irgendwann einfach nur noch im Getöse treibe. Weil keine Energie mehr übrig ist, um dagegen anzukämpfen.

Es ist ein Kampf, den man nicht gewinnen kann.


Essen. Zähne putzen. Anziehen.

Woher soll die Energie dafür kommen, wenn ich dauerhaft im Minus bin?

Mit dem Hund nur so lange raus, wie es unbedingt nötig ist.

Sonnenbrille. Cap. Ohrenstöpsel. Bitte keine Menschen.

Und vor allem:

Bitte heute kein schlechtes Gewissen. Nicht dafür, krank zu sein. Nicht dafür, dass ich mich ausruhen muss.

Nicht dafür, einen Körper zu haben, der seit Jahren mehr trägt, als andere jemals sehen können.


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