Gebt mir die fucking Zahl

8–12 Minuten

Mit zitternden Händen schaffe ich es irgendwie, die Kofferraumklappe meines Wagens zu öffnen. Beide Arme und Hände vollgepackt mit Handtasche, Jacke, leeren Trinkflaschen und dem Autoschlüssel. Meine Sicht ist verschwommen, denn es hängen dicke Tränen in meinen Augen. Das Zittern breitet sich in meinem ganzen Körper aus und ich weiß gerade gar nichts.

Mein Körper führt wie von selbst die Bewegungen aus, um die Sachen im Kofferraum zu verstauen und mich auf den Fahrersitz zu manövrieren. Ich starre durch die Frontscheibe auf den schäbigen Hinterhof.

Was ist da gerade passiert?

Das Zittern wird zu einem Beben. Der Damm bricht und ich fange an zu schluchzen und zu heulen. Meine Hände klammern sich ans Lenkrad und ich weiß nicht, wohin mit diesem Schwall an Gefühlen.

Ist das gerade wirklich passiert?

Dabei war es eigentlich ein guter Tag.


Ich schicke die letzte E-Mail weg und bereite mich auf den Feierabend vor. Eigentlich voll der gute Tag, denke ich mir. Irgendwie lief heute alles so geschmeidig, trotz Kopfschmerzen. Vom Aufstehen übers Ankommen im Büro bis zur Arbeit selbst. Ich bin zufrieden mit dem Tag und mit mir, als mein Chef kurz reinschaut und mich fragt, ob ich noch ein paar Minuten habe, bevor ich ins Wochenende gehe.

Passt mir gut. Ich brauche sowieso noch eine Info von ihm.

Auf dem Sprung aus dem Büro mache ich mich also noch einmal auf den Weg zu ihm. Er sagt, er wolle noch ein paar Sachen mit mir besprechen. Wir gehen die organisatorischen Punkte schnell durch, weil ich alles bereits bearbeitet habe oder der Ball gerade beim Gegenüber liegt.

Dann holt er noch einmal aus.

„Uuund dein Vertrag läuft ja bald aus …“

Er beginnt das Thema in einem fröhlichen Ton. Ich freue mich, dass er es anspricht, weil ich langsam nervös geworden bin.

„… und wir wollen dir gerne einen neuen Vertrag anbieten.“

Innerlich freue ich mich schon. Es scheint, als hätte ich es geschafft.

„… allerdings erst mal wieder nur befristet auf ein Jahr.“

Ich habe sofort einen Kloß im Hals. Mein Magen zieht sich zusammen. Die Freude wird abrupt von einem Gefühl unterbrochen, das sich anfühlt wie freier Fall.

Was habe ich da gerade gehört?

„Aber es war doch bisher immer die Rede von einer Entfristung nach einem Jahr? Hat sich da etwas geändert oder habe ich etwas verpasst?“

Nein, nein, sagt er. Ich müsse mir keine Sorgen machen. Das käme tatsächlich öfter vor, das hätten schon viele Kolleg:innen gehabt.

Die Erklärung hilft nicht. Das miese Bauchgefühl bleibt. „Aber es gab nie ein Gespräch darüber? Ich bin davon jetzt etwas überrascht. Wie kam es denn zu dieser Entscheidung?“

Ich merke, wie mein Chef nervös auf seinem Stuhl herumrutscht und anfängt herumzudrucksen. Dann sagt er: „Aufgrund deiner hohen Fehlzeiten geht man davon aus, dass du dich im Team noch nicht so ganz wohlfühlen würdest.“

Die Aussage trifft mich wie ein Schlag. Ich kann nichts dagegen tun, dass mir plötzlich die Tränen über die Wangen laufen. Trotzdem schaffe ich es irgendwie weiterzufragen.

Wer hat das entschieden? Wie kommt man zu so einem Schluss? Warum hat niemand mit mir gesprochen?

Mein Chef rutscht weiter nervös auf seinem Stuhl herum. Ihm ist die Situation sichtlich unangenehm. „Naja … außer mir ist an dieser Entscheidung ja nur noch eine Person beteiligt …“

Er sagt ihren Namen nicht.

Also tue ich es für ihn.

Die Direktorin.

Die Direktorin, die nach meinem Vorstellungsgespräch nie ein Wort mit mir gewechselt hat. Die mich im Grunde genommen gar nicht kennt.

„Bist du auch der Meinung?“, frage ich.

Er sagt Nein. Wenn er den Eindruck hätte, ich hätte keinen Bock, würde mich nicht engagieren oder meine Arbeit nicht vernünftig machen, hätte er längst das Gespräch mit mir gesucht.

Hat er aber nicht.

Weil ich meine Arbeit vernünftig mache.

Er sagt mir, dass er es schade fände, wenn ich gehe. Dass er mich als wertvollen Teil des Teams sieht. Er reicht mir Taschentücher.

Und ich bin ihm in diesem Moment unfassbar dankbar dafür. Dafür, dass wenigstens der Mensch, der tatsächlich mit mir arbeitet, mich sieht. Nicht meine Fehlzeiten. Mich.

Und gleichzeitig macht genau das alles noch absurder. Denn wenn meine Leistung nicht das Problem ist: Was müsste ich denn liefern? Was genau fehlt? Was müsste ich tun, damit aus diesem einen Jahr irgendwann ein Arbeitsplatz ohne Ablaufdatum wird?

Auf der Rückfahrt denke ich immer wieder darüber nach, während ich immer wiede rmit den Tränen kämpfe und aus Traurigkeit langsam aber sicher Wut wird. Laute Wut, die wie Magma in mir brodelt und sich langsam aber sicher ihren Weg an die Oberfläche sucht.

Eigentlich wollte ich nur nach einem Link fragen. Das ist vielleicht das Absurdeste an der ganzen Sache. Ich bin nicht in dieses Büro gegangen, weil ich dachte, dass wir jetzt über meine berufliche Zukunft sprechen. Ich wollte einen Link. Und plötzlich sitze ich da und muss mich dafür rechtfertigen, dass mein Körper nicht zuverlässig genug funktioniert.

Dabei habe ich mich gefreut. Natürlich habe ich mich gefreut. Weil mir seit einem Jahr gesagt wird, dass ich nach diesem Jahr einen unbefristeten Vertrag bekomme. Ein Jahr. Dann unbefristet. Das war der Deal.

Und jetzt, nach diesem Jahr, gibt es plötzlich eine neue Prüfung, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie ablege. Wegen meiner Fehlzeiten.

Nein. Eigentlich nicht einmal wegen meiner Fehlzeiten. Das wäre ja wenigstens ehrlich. Aus meinen Fehlzeiten wurde geschlossen, dass ich mich hier wohl „noch nicht so ganz wohlfühle“!?

Genau dieser Satz ist es, der irgendetwas in mir zerlegt. Weil es so gemein ist. So unfair. Ich weiß, gemein ist kein besonders differenziertes Wort. Keine professionelle Einordnung. Kein Begriff, den man wahrscheinlich in einer Mail an seine Geschäftsführung schreiben sollte.

Aber es ist gemein. Es ist einfach unfassbar gemein und unfair. Denn ich fühle mich wohl. Ich mache diese Arbeit gerne. Ich mag mein Team. Ich bringe mich ein. Ich entwickle Workshops, stehe vor Menschen, erkläre ihnen Dinge, denke mir Konzepte aus, übernehme Verantwortung.

Ich bin gut in dem, was ich tue. Und niemand hat mich gefragt. Niemand hat sich mit mir hingesetzt und gesagt: Hey, uns sind deine Fehlzeiten aufgefallen. Wie geht es dir eigentlich? Fühlst du dich hier wohl? Gibt es etwas, worüber wir sprechen sollten?

Stattdessen hat irgendwo jemand meine Krankheitstage angeschaut und daraus eine Geschichte über mich geschrieben. Eine Geschichte, in der ich mich offenbar nicht wohlfühle. Vielleicht nicht genug Bock habe. Vielleicht nicht genug will. Vielleicht nicht belastbar genug bin. Keine Ahnung. Ich kenne diese Geschichte nicht einmal, weil niemand sie mit mir besprochen hat. Ich bekomme nur das Ergebnis.

Noch ein Jahr. Noch einmal beweisen. Und ich sitze da und erkläre unter Tränen, dass meine Fehlzeiten nichts damit zu tun haben, wie gerne ich morgens zur Arbeit komme. Dass mein Körper und meine Motivation zwei verschiedene Dinge sind. Dass chronische Beschwerden nicht einfach verschwinden, wenn man zum richtigen Arzt geht, drei Tabletten nimmt und sich anschließend endlich zusammenreißt. Dass ich trotzdem gute Arbeit leiste.

Mein Chef weiß das. Und genau deshalb lässt mich eine Frage nicht mehr los. Was müsste ich denn liefern? Keine Fehlzeiten? Drei Krankheitstage im Jahr? Fünf? Was ist die magische Zahl, bei der mein Körper plötzlich arbeitgeberfreundlich genug ist? Sagt sie mir. Wirklich.

Gebt mir die fucking Zahl.

Denn wenn das die Voraussetzung ist, dann kann ich sie nicht erfüllen. Nicht, weil ich nicht will. Nicht, weil ich mich nicht genügend anstrenge.

Ich.

Kann.

Das.

Nicht.

Ich kann nicht versprechen, nächstes Jahr weniger Schmerzen zu haben. Ich kann nicht garantieren, dass mein Körper sich ab jetzt an Personalplanung hält. Ich kann nicht dafür sorgen, dass mein Zyklus, meine Schmerzen oder irgendein anderer körperlicher Scheiß vorher kurz im Kalender nachschauen, ob es gerade betrieblich ungünstig wäre.

Und ich werde ganz sicher nicht anfangen, medizinische Entscheidungen danach zu treffen, ob irgendeine Frau in einer Geschäftsführung meine Krankentage akzeptabel findet. Ich werde nicht die Pille nehmen oder irgendeinen anderen Scheiß machen, damit mein Körper vielleicht besser in eine Excel-Tabelle passt.

Und dann kommt noch diese andere Angst. Denn natürlich könnte ich jetzt erklären, warum ich fehle. Ich könnte Diagnosen nennen. Beschwerden erklären. Zusammenhänge offenlegen. Ich könnte versuchen, mich verständlich zu machen. Aber was passiert dann?

Was, wenn aus Die fehlt relativ häufig plötzlich Ach so. Das wird sich also auch nicht ändern wird? Was, wenn Offenheit nicht zu Verständnis führt, sondern dazu, dass ich nächstes Jahr gar keinen Vertrag mehr bekomme?

Herzlichen Glückwunsch, Sie waren sehr transparent. Leider suchen wir jemanden, der belastbarer ist. Also muss ich jetzt auch noch überlegen, wie viel Wahrheit über meinen eigenen Körper ich einem Arbeitgeber zumuten kann, ohne dass diese Wahrheit gegen mich verwendet wird.

Wie beschissen ist das eigentlich?

Diese Gedanken begleiten mich den ganzen Tag. Auf der Autofahrt. Beim Spaziergang mit dem Hund. Später, als meine beste Freundin bei mir ist und ich ihr erzähle, was passiert ist.

Und je länger ich darüber nachdenke, desto weniger bleibt von der Verzweiflung übrig. Stattdessen werde ich wütend. So unfassbar wütend.

Und gleichzeitig bin ich enttäuscht, weil ich mit etwas anderem gerechnet habe. Nicht, weil ich mir irgendeine Fantasie zusammengereimt habe. Sondern weil es mir so gesagt wurde. Ein Jahr. Dann unbefristet.

Und jetzt sind wir nach diesem Jahr hier und plötzlich gelten offenbar Bedingungen, über die nie jemand mit mir gesprochen hat. Also gut. Dann möchte ich die Regeln wissen.

Welche konkreten Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit eine Entfristung möglich wird? Ich möchte wissen, auf welcher Basis diese Entscheidung getroffen wurde. Ich möchte wissen, welche Parameter gelten. Und ich möchte wissen, welche Rolle meine Fehlzeiten dabei tatsächlich spielen.

Nicht irgendein „noch nicht so ganz wohlfühlen“. Meine Fehlzeiten. Sagt es. Denn wenn das der Maßstab ist, muss ich mir eine ganz andere Frage stellen. Nicht: Wie schaffe ich es, nächstes Jahr gut genug zu sein? Sondern: Will ich hier überhaupt noch ein Jahr meines Lebens investieren?

Will ich weiterhin in eine andere Stadt pendeln, Zeit und Energie in diese Arbeit stecken und an anderer Stelle Abstriche machen, um einem Arbeitgeber zu beweisen, dass ich trotz meines Körpers eine Zukunft wert bin? Oder suche ich mir irgendeinen Job zehn Minuten von meiner Haustür entfernt?

Dann sortiere ich halt Akten. Trage Daten in irgendwelche Tabellen ein. Mir scheißegal. Zwanzig Stunden die Woche und danach bin ich instant wieder zu Hause. Denn meine Energie ist endlich. Das weiß ich inzwischen ziemlich gut.

Und wenn ich einen Teil davon jeden Tag dafür aufwenden muss, meine Existenzberechtigung an meinem eigenen Arbeitsplatz zu verteidigen, dann ist das Energie, die ich nicht habe. Und ehrlich gesagt auch keine, die ich dafür haben möchte.

Vielleicht nehme ich diesen Vertrag an. Vielleicht auch nicht. Vielleicht nehme ich ihn an und nutze dieses Jahr für mich. Um mich um meine Gesundheit zu kümmern. Um herauszufinden, was mein Körper braucht. Um mein eigenes Ding weiter aufzubauen. Um mir Stück für Stück eine Zukunft zu schaffen, in der die Entscheidung irgendeiner Geschäftsführung darüber, ob ich eine Zukunft „verdiene“, irgendwann gar nicht mehr so viel Macht über mich hat.

Vielleicht brauche ich diesen Vertrag in einem Jahr überhaupt nicht mehr. Wer weiß. Vor ein paar Stunden hätte ich über diese Frage überhaupt nicht nachgedacht. Da wollte ich nur nach einem Link fragen. Jetzt möchte ich eine genaue Erklärung.

Und dann entscheide ich.

Denn wenn die Voraussetzung für meine berufliche Zukunft etwas ist, das ich körperlich nicht leisten kann, dann muss vielleicht nicht ich mich ändern.

Dann muss ich gehen.


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