Ohnmacht

7–10 Minuten

„Vielleicht musst du dich einfach mehr von den Zielen anderer abgrenzen?“

Erzähl mir nicht, dass ich mich mehr von anderen abgrenzen soll. Dass ich mich von den Erwartungen der Gesellschaft entkoppeln muss. Ich habe viele Jahre damit verbracht, mich von genau diesen Erwartungen und Vergleichen zu lösen. Verdammt, ich habe einen Blog darüber geschrieben, als ich 21 Jahre alt war.

Erzähl mir nichts über eigene Ziele.

Ich weiß, was meine Ziele sind. Und ich weiß, dass es meine sind. Meine eigenen, ganz allein meine. Da hat niemand reingepfuscht. Keine Prise schmieriger, schwerer Erwartung meiner Eltern oder irgendeiner Gesellschaft liegt darauf.

Und bisher bin ich auch ziemlich gut darin, sie zu erreichen.

Aber es liegt ein Schatten darüber.

Die Ambitionen, die ich habe, passen nicht zu dem, was mein Körper leisten kann.

Wieder einmal muss ich meinen Arbeitstag nach zwei Vorträgen frühzeitig beenden und nach Hause fahren. In der Hoffnung, dass ich wach bleibe. Und dass mich keine Schmerzen überrollen wie fünf Meter hohe Wellen, vor denen es kein Entkommen gibt. Wellen, denen ich schutzlos ausgeliefert bin, in deren Strömung ich auf und ab gewirbelt werde, bis ich die Orientierung verliere und mir die Luft wegbleibt.

Alles, was dann noch geht, ist ein leises Wimmern oder schmerzerfülltes Heulen, während ich mich im Bett krümme und längst die Hoffnung aufgegeben habe, dass die Schmerzmittel noch irgendeine Wirkung zeigen werden.

Aber so weit ist es noch nicht.

Ich sitze im Auto und fahre nach Hause. Noch ungefähr 30 Minuten.

Weiter viel trinken, sage ich mir, während ich auf dem Handtuch meines Hundes sitze, das ich glücklicherweise noch frisch gewaschen im Auto hatte.

Die stärkste Periodenpanty, die ich besitze, hat meiner Blutung nicht standgehalten. Und nun sitze ich entwürdigt auf einem Thron aus Handtuch, mit heruntergelassener Hose in meinem Auto, und hoffe, dass mein Körper vor meiner Ankunft zu Hause keine weiteren Dummheiten anstellt.

Zwischen den beiden Vorträgen hatte ich nervös in meiner Handtasche gewühlt und tatsächlich noch ein paar einfache Slipeinlagen gefunden.

Besser als nichts, dachte ich und versuchte auf der Toilette der Bibliothek, daraus einen Damm zu bauen, damit während des zweiten Vortrags nichts daneben geht. Dazu eine Menge Toilettenpapier, um das bereits übergelaufene Blut aus meinem Body zu saugen und irgendwie zu verhindern, dass Flecken auf meiner Hose entstehen.

Zurück in meinem Vortragsraum traue ich mich nicht, mich hinzusetzen. Zu groß das Risiko, doch noch durchzubluten.

Aber ich merke, dass meine Kräfte schwinden und ich mich irgendwie ausruhen muss, bis die nächste Gruppe kommt. Also lege ich mich mit dem Steißbein auf die Kante des Sessels, der im Raum steht, und verharre in dieser merkwürdigen Position – halb sitzend, halb liegend –, um meinen müden Beinen irgendwie eine Pause zu geben.

Währenddessen merke ich, wie der nächste Schwall Blut und Gewebe meinen Körper verlässt und in die längst durchnässte Panty fließt.

Ich war so sicher gewesen, dass ich mir mit diesem Modell keine Sorgen mehr machen müsste. Falsch gedacht.

Da kommt das Zeichen, dass gleich die nächste Gruppe kommt.

Nützt ja nichts. Die ziehe ich jetzt noch durch.


Ich wache das zweite Mal auf und habe jegliche Orientierung verloren. Nur eines ist sicher: Ich habe sehr lange geschlafen. Beim Blick auf die Uhr bekomme ich einen Schreck. Es ist schon nach 15 Uhr.

Das letzte Mal war ich nur kurz um sechs Uhr wach, als mein Wecker klingelte. Ich habe sofort gemerkt, dass ich das keinen zweiten Tag durchstehen kann. Also habe ich mich krankgemeldet.

Die Scham vor meinem Chef. Vor meinem Kollegen. Schon wieder ist sie krank. Schon wieder müssen Termine koordiniert und kurzfristig Lösungen gefunden werden. Schon wieder müssen andere auffangen, was ich nicht schaffe. Ich fühle mich schlecht. Und dann schlafe ich entkräftet wieder ein.

Schon am Vortag hatte ich nur noch benommen auf dem Sofa gelegen und nach der kleinsten Anstrengung Schweißausbrüche und Herzrasen bekommen. Mein Körper ist definitiv am Limit.

Selbst nach ungefähr 17 Stunden Schlaf geht es mir nicht wirklich besser. Ich fühle mich benommen. Mittlerweile habe ich sieben Periodenpantys vollgeblutet und einige davon über ihr eigentliches Limit gebracht. Laut Hersteller kann eines dieser Höschen ungefähr 30 Milliliter Flüssigkeit aufnehmen. Während ich vor mich hin vegetiere, beginne ich zu rechnen.

Wie viel Blut habe ich eigentlich verloren?

Allein gestern müssen es etliche Milliliter allein in den Pantys gewesen sein. Dazu kommt all das Blut und Gewebe, das direkt in der Toilette gelandet ist und in keiner Rechnung auftaucht. Es beginnt in meinem Ohr zu klirren. Immer lauter. Stechender. Fieser. Hallo Tinnitus.

Schleichend überkommt mich mal wieder die Gewissheit, dass das, was ich hier erlebe, nicht normal ist. Dass das nichts ist, womit man mal eben weitere vier Vorträge hält. Nichts, womit man sich für längere Zeit hinters Steuer setzen sollte, um abzuliefern und so zu tun, als wäre nichts.

Das hier ist nicht normal.

Und das hier ist nichts, womit ich alleine fertigwerden sollte.


Als mein Körper und mein Verstand wieder halbwegs auf Sendung angekommen sind, rufe ich meine Gynäkologin an. Die Mitarbeiterin am Telefon hört mir zu und sagt mit sorgenvoller Stimme und viel Verständnis, dass sie mich morgen früh um acht irgendwie dazwischenquetschen wollen.

Erleichtert und ernüchtert zugleich beende ich das Gespräch. Was kann meine Gynäkologin akut daran ändern? Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt? Hormone möchte ich eigentlich vermeiden. Meine Ernährung habe ich angefangen anzupassen, aber bisher sehe ich keine Besserung. Selbst nach dem Ziehen meiner Kupferspirale ist alles eher schlimmer als besser geworden. Was bleibt mir? Kann mir überhaupt jemand helfen? Am liebsten soll sie mir morgen direkt die Gebärmutter entfernen. Dann ist Schluss damit. Aber wer macht so etwas bei einer Frau Anfang 30? Wird ein Chirurg mir glauben, dass ich keinen Kinderwunsch habe, wenn meine eigene Mutter es nach Jahren noch immer nicht tut? Was sind meine Optionen?

Gibt es überhaupt welche?

Langsam breitet sich der Nebel der Verzweiflung aus. Nicht nur körperlich kann ich nicht mehr klar sehen. Auch meine Gedanken werden immer diffuser, immer stärker von Frustration durchsetzt. Ich hasse es, dass ich schon wieder meinen verdammten Job nicht machen konnte, weil mein Körper sich dagegen entschieden hat. Dass ich schon wieder meine Kollegen „im Stich lassen“ und für mich einspringen lassen musste. Dass ich meinen Auftrag nicht selbst zu Ende führen konnte. Dass wieder eine Woche verstreicht, in der ich nichts für mein Business tun konnte. Keine Zeile Code geschrieben. Keine Produktidee weiterentwickelt.

Stattdessen mal wieder einen ganzen Tag verschlafen und einen weiteren auf dem Sofa verbracht, um mich mit Teenager-Horror aus dem Los Angeles der 80er berieseln zu lassen, bei dem es ungefähr genauso blutig zugeht wie in meiner Hose.

Keine Kraft für mehr. Keine Kraft für Ziele. Keine Kraft für Ambitionen.

Es reicht gerade einmal, um den Tag halbwegs zu überleben und den Hund sporadisch zu versorgen. Ich kann nichts tun, außer mich von meinem eigenen Körper immer und immer wieder in die Knie zwingen zu lassen und dabei zuzusehen, wie die Tage – Teile meines wertvollen Lebens – an mir vorbeiziehen. Kraftlos, tatenlos sitze ich einfach da und lasse mich berieseln, weil es zu schmerzhaft ist, mich mit der Gegenwart zu befassen. Mit der Tatsache, dass ich schon wieder einmal meine Pläne nicht durchziehen konnte.

Dabei waren meine Ansprüche an diese Tage nicht einmal groß. Ich wollte einfach nur einen ganz normalen Tag verbringen. Arbeiten. Mich schonen. Nach Hause kommen. Mein Leben leben. Nicht einmal das geht.

Ich kann nur dasitzen und über die vielen Tage nachdenken, die auf diese Art an mir vorbeigezogen sind. Unwiderruflich weg. Kein Strg+Z, um irgendetwas zurückzuholen. Wieder zwei Tage meiner Lebenszeit, die in einen reinen Überlebenskampf fließen. Körperlich auf einem Level festgenagelt, das weit, weit entfernt ist von der Version von mir, die entschlossen ihre Ziele verfolgt.

Es fühlt sich an, als würde ich auf der Stelle schwimmen. Sobald ich wieder Geschwindigkeit aufnehme, sobald ich mich zurück ins Leben gekämpft habe, kommt die nächste Welle und reißt mich mit. Sobald ich wieder mit dem Kopf über Wasser bin und endlich Luft holen kann, sobald ich meine Orientierung zurückgewonnen habe, kommt die nächste Monsterwelle.

Sie klatscht mich um. Drückt mich wieder unter Wasser. Wirbelt mich herum. Und irgendwann bleibt mir nicht einmal mehr genug Kraft, um zu versuchen, zurück an die Oberfläche zu paddeln. Also lasse ich mich treiben. Nicht, weil ich aufgegeben habe, an mich und meine Ziele zu glauben. Sondern weil ich gelernt habe, dass ich gegen die Willkür des Wassers nicht gewinnen kann.

Ich gebe immer wieder auf zu paddeln, weil ich irgendwann verstanden habe, dass es gegen diese Strömung manchmal einfach keinen Sinn hat. Ich versuche nicht mehr verzweifelt zu kontrollieren, was sich nicht kontrollieren lässt. Ich lasse mich treiben und hoffe darauf, dass das Wasser mich irgendwann wieder an die Oberfläche entlässt.

Dass ich wieder Luft bekomme. Dass ich wieder Orientierung finde. Dass ich wieder Kraft bekomme. Dass ich wieder anfangen kann.

Bis die nächste Welle kommt.

Und dann wieder.

Und wieder.

Und wieder.

Es macht mich mürbe.

Mürbe, darüber nachzudenken, wo ich in meinem Leben stehen könnte, wenn mir diese Wellen erspart geblieben wären. Wenn ich nicht ständig damit beschäftigt wäre, die Probleme meines Körpers zu lösen, nur um überhaupt wieder eine solide Basis zu erreichen, von der aus ich anfangen kann, an all den Dingen zu arbeiten, die ich eigentlich mit meinem Leben machen möchte.

Ich weiß, was meine Ziele sind. Ich weiß sogar ziemlich genau, wohin ich will. Das Problem ist nicht, dass ich nicht schwimmen will, oder nicht weiß wohin.

Ich kann einfach nicht mehr gegen diese verdammten Wellen kämpfen.


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